beste bohne.

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KARPUKIEN & DER REST DER WELT

Eine unvergessliche Sammlung von all jenem zusammengetragen, was die Menschheit zu vergessen geschworen hatte.

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Karpukien dient in meiner Diplom Arbeit als Sammelbecken sämtlicher Surrealitäten, die sich in der wirklichen Welt zugetragen haben. Von  Erfindungen (der rotierende Entbindungstisch), über Naturphänomene (der brennende Berg), medizinische Selbstversuche (elektroschocktherapie bei Klapperschlangenbissen) und gesellschaftliche Eigenheiten (Schmuck– oder auch Ziereremiten) wurden von mir über 60 Skurillitäten der Geschichte zusammengetragen. Diese sprach ich meinem fiktiven Land Karpukien zu und übersetzte diese in ihre Sprache. Dabei modifizierte ich die Begriffe und chiffrierte die Örtlichkeiten so weit, dass die Referenzen zur Realität verschwanden. Die entstandenen Geschichten bündelte ich in ein 94 seitiges Buch, welches ich in der Spirit Carbon Methode druckte. Diese fast vergessen Druckmethode ist sehr ungenau und gibt dem Druckwerk einen authentischen Charakter. Als Ausgangsbasis für die Schrift griff ich auf Arno Dreschers Super Grotesk zurück und modifizierte sie mit allerlei surrealem Beiwerk, um den Eindruck eines fremdländischen Buches noch zu erhöhen.

Um die ganze Thematik dramaturgisch sinnvoll aufzuklären, ist das karpukische Buch wiederum in ein weiteres Buch hineingebunden. Dieses Buch dient als Schnittstelle zur Realität und erklärt die Bezüge zu der Wirklichkeit. Die Gestaltung sollte besonders kontrastierend zu dem eher rauh inszenierten Innenbuch sein. So wählte ich die Clearface Gothic, um einen seriösen Gegenspieler in das Buchobjekt zu setzen. Die Einzelseiten des Aussenbuches wurden ausgelasert.


DIE IURIE: EINE NEUE WELTRELIGION

Religion ist ein gut getarnter, komplizierter Witz.
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Nach dem 9/11 schien die Welt nicht mehr so zu sein, wie sie vorher war. Die Medien fragten nach den Attentätern, Politiker diskutierten und es wurden Schuldige gefunden. Die Ursachenforschung für die Auslöser und die Faktoren, jemanden dazu zu bewegen, sich umzubringen wurden aber außer acht gelassen und auf einen einfachen Nenner gebracht: es waren Moslems. An dieser Stelle der Geschichte hätte es eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem omnipräsenten Problem des Extremismus (unter der jede Gesellschaft leidet) geben können. Doch es wurde ein anderer Weg gewählt…
Die neue Weltordnung unterscheidet fortan zwischen Christen und Moslems, die neuen Feindbilder sind geprägt. Die vorangegangene Säkularisierung unserer Gesellschaft ist vergessen, das Rad der Geschichte ist zurückgedreht worden. Um diese einfache Kriegsrhetorische Formel reicher schüren die Medien die Ängste vor bewaffneten Moslems, die uns ihren Glauben aufzwingen wollen. Ultrachristliche Organisationen gewinnen in Deutschland immer mehr Boden und Einfluss und pflanzen sich tief in unsere gesellschaftlichen Instanzen. In einigen amerikanischen Staaten ist die »Evolutionstheorie«, schon aus den Schulplänen verbannt und das Neokreationistische »Intelligent Design*« hält dort Einzug.

Reizt mich nicht.
Um mich der Materie anzunähern, recherchierte ich in verschiedensten Richtungen. Ich verglich verschiedene Weltreligionen, ihre Zeichen und ihre Inhalte und kam auf den Schluss, dass ich in Anlehnung einer gewissen psychologischen Logik mich dem Thema nur nähern konnte. Ich fand einen Aufsatz über formal Logikfehler und hatte das Gefühl, dass aus genau so einem Logikfehler eine/alle Religion entstammen könnten. Das sogenannte cum hoc ergo propter hoc (lat. „damit, also deswegen“) bezeichnet einen logischen Fehler, bei dem zwei gemeinsam auftretende Ereignisse als Ursache und Wirkung erklärt werden. Als Beispiel wäre da ein Blitzeinschlag und eine schlechte Ernte zu nennen. Der Schließende begeht dabei zum einen den Fehler, ohne genauere Prüfung einen Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen zu unterstellen, zum anderen definiert er willkürlich Ursache und Wirkung.
Eine als stabil erscheinende Korrelation zwischen zwei Ereignissen bietet grundsätzlich einen Anlass für die Suche nach einem etwaigen Zusammenhang, aber sie stellt für sich genommen noch keinen Beweis für diesen Zusammenhang dar und legt auch nicht fest, welches der Ereignisse die Ursache und welches die Wirkung ist. Ein Beispiel dafür wäre folgendes, welches leicht zu hinterfragen ist. Dass in Europa die Zahl der Störche seit Jahrzehnten abnimmt sowie die Geburten bei Menschen ebenso, ist kein Beleg dafür, dass der Storch die Babys bringt, sondern ein Beleg für den wachsenden Wohlstand in Europa. Andere Behauptungen erscheinen einem am Anfang eher logisch, sind aber reine logische Fehler: Alle Amokläufer, die durch Schulen gerannt sind und Menschen umgebracht haben, spielten zu Hause sogenannte Egoshooter (in der aktuellen politischen Diskussion auch Killerspiele genannt) – also machen Egoshooter aus Kindern gewaltbereite Amokläufer. Oder: Heroinabhängige haben vor ihrer Abhängigkeit leichte Drogen wie Marihuana genommen – deshalb sind diese Drogen Einstiegsdrogen. Es ist aber schlichtweg falsch anzunehmen, dass dies wirkliche Gründe sind.
Nach diesem Leitsatz wollte ich meine Religion konstruieren, nur musste ich einen geeigneten Fehlschluss finden. Nach einiger Zeit stieß ich auf eine Grafik mit der Temperaturkurve der letzten eintausend Jahren. Und bei einem Vergleich mit anderen historischen Daten fand ich signifikante Übereinstimmungen in dem Abfallen der Temperaturkurve und bewegenden Momenten der Menschheitsgeschichte. So gab es große Abkühlungen während Kriegen, Konflikten und Katastrophen. Wenn also die Temperatur abfällt und daraus größtes menschliches Leid folgt ist die Kälte als ein Strafe zu verstehen. Außerdem viel mir noch auf, dass diese Strafen teilweise auf Errungenschaften folgten, die mit Kälte etwas zu tun hatten. So folgte direkt nach der Entwicklung des Speiseeis der Vietnamkrieg. Da ich konzeptionell davon ausging, eine Weltreligion zu konstruieren, gab dies mir die Möglichkeit, die gesamte Menschheitsgeschichte einzuschließen ohne auf das Christentum zurückzugreifen. Außerdem wurde mir dadurch das Leitmotiv der Religion gegeben: die Wärme. Ich trennte die Iurie in zwei Teile, einem reinen Textteil und einem weiteren, der Mithilfe der Temperaturkurve die Gott auf Erden beweist: Das Testimonium. Dieser weitere Teil soll als Supplementband separat von der Iurie stehen und immer auf dem aktuellsten Stand sein. Als Format für die Bibel nahm griff ich auf die Babylonische Zahlenmystik zurück, die sich aus der Übersetzung des Begriffes Wärme in das Hebräische ergab: 400 mm x 240 mm. Auch der Satzspiegel ist orientiert sich an der Zahlenmystik. Durch diese Voraussetzungen konnte ich mich meiner Bibel (die Iurie / Lat. die Wahrheit) annähern. Ich versuchte sprachlich die Iurie an die Bibel anzulehnen, da sie meines Erachtens aus dieser Zeit stammen müsste und sie sich ähnlicher, sprachlicher Mittel bedienen müsse. Außerdem gibt es an verschieden Stellen der Iurie kleinere Referenzen an die Bibel wie das rechte Beispiel zeigt: Vers 23 beginnt mit »Ich durchwanderte das kälteste Tal…«. In Psalm 23 der Bibel heißt es: »Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal…« Ich hielt mich dabei konzeptionell immer eng an meinen Vorgaben der Wärme/Kälte Metaphorik.

Ein Zeichen des Glaubens. Und die Namen. Und die Spiele, die man damit machen kann.

Nun fehlte mir noch ein Zeichen des Glaubens. Dieses Zeichen sollte auf der einen Seite den anderen Weltreligionen in nichts nachstehen und trotzdem eigen sein. Ich wählte das Zeichen, was man links sehen kann. Es ist ein Symbol für die Erde und die aufgehende Sonne, für das Omega (das Ende), für einen kapuzetragenen Menschen den ein Schneeball nichts anhaben kann… oder einfach ein auf die Seite gekipptes Grad Celsius. Dies stellt auch wieder eine Referenz dar, denn im Rückschluss ist das Zeichen für Grad Celsius nur die Typografische Umwandlung des Zeichens meiner Religion.
Ähnlich verfuhr ich in den Bennungen einiger Protagonisten meiner Bibel: so gibt es dort ein Mädchen, welches intuitiv mit der Wärme eins ist. Ihr Name ist Miele. Im Umkehrschluss hat sich der Ofenhersteller Miele eben nach dieser Figur aus der Iurie benannt. Meine Überlegung war dahinter, dass sich Firmen wie Nike auch nach Göttern oder mythologischen Motiven benannt haben und immer bennen. Da meine Religion also als erstes steht, haben sich diese Firmen nach der Iurie benannt. Alle bösen Gegenspieler tragen übrigens Namen von Eisdielen in Braunschweig und Umgebung.


LAURENT MERLOT: DER BERG ZAGT

Das Prinzip „Entdeckungsreisender“

5-Kegelbahn

James Cook, Alexander von Humboldt, David Livingstone, Roald Amundsen – die Liste der großen Entdeckungsreisenden könnte beliebig verlängert werden. Alle suchten sie die Weite, das Unerforschte und definierten damit immer wieder neu die Grenzen der von Menschen berührten Zonen auf dem Globus.

Es gibt unzählige Geschichten über aufregende Expeditionen, die den Leser in ein vollkommen fremde, surreale Länder führen – allerdings wandelte sich aber die Darstellung dieser Reisen mit der Einführung des Medienzeitalters: Die neu gewonnen Möglichkeiten der filmischen Dokumentation verschärften die Selbstdarstellung hin zu annähernd grotesken Soloauftritten. Heute wird auf alle verfügbaren Vermarktungsstrategien zurückgegriffen. Wenn Reinhold Messner einen 7000er ohne Sauerstoffgerät besteigt, dann ist mindestens eine Kamera dabei, damit dieses erhebende Ereignis später fotografisch in ein Buch oder wenigstens einen Diavortrag eingehen kann. Ein Filmteam hält die wichtigsten Szenen auf Band fest, um sie später in Form einer interaktiven DVD zu verkaufen. Später hält Messner Motivationsvorträge über Risikomanagement für Unternehmen („Der Berg ist das Vorhaben“) und auf seiner Internetseite wirbt er für sein eigenes Weingut in Agricola Unterortl. – Das ist kein Scherz sondern bittere Wahrheit…

Üblicherweise gründet der moderne Entdeckungsreisende noch eine „Gesellschaft zur Erhaltung von X“. X ist die Variable für Ort oder Medium, welcher bzw. welches ihm zur Berühmtheit verholfen hat. Zu nennen ist hier an erster Stelle der grandiose Jacques-Yves Cousteau, Tierfilmer und rotbemützter Tiefseetaucher, der in meiner Kindheit für außergewöhnliche Dokumentationen stand. Meine Recherche über Entdeckungsreisende führte mich zu seiner „Cousteau-Gesellschaft zur Erforschung und zum Schutz der Meere“. Hier scheint die Komplexität der Inszenierung ein besonderes Ausmaß erreicht zu haben: Cousteau selbst hat ein Logo, eine einheitliche Farbgebung in sämtlichen Publikationen und selbst seine Mitarbeiter tragen die gleiche rote Mütze wie er. Er wird Präsident der „Französischen ozeanografischen Gesellschaft“ und Leiter des „Ozeanographischen Instituts von Monaco“. Dass eben dieses Institut von Monaco kurz nach seinem Tod durch einen Wasserwechsel der Aquarien, den Ausgangspunkt bildet für eine weltweite Algenpest, die das Leben in ganzen Weltmeeren bedroht, ist folgenschwere Ironie des Schicksals.

Dieser Thematik, mit ihren tragikkomischen Elementen, wollte ich mich im Rahmen einer fiktiven Geschichte annähern. Da für mich aber der Rückgriff auf bestehendes Textmaterial außer Frage stand, erfand ich kurzerhand selbst die Geschichte eines Entdeckungsreisenden. Nach längeren Überlegungen legte ich mich auf meinen Protagonisten Laurent Merlot fest, einen einst erfolgreichen Entdeckungsreisenden der Berge, welcher auf unbeholfene Art große Entdecker imitiert und sich gekonnt ihrer Vermarktungsstrategien bedient: So ist er Autor und Verleger seiner Bücher – natürlich in liebevoller Kleinstauflage gedruckt, bekleidet den Leitungsposten seines Instituts – welches gleichzeitig sein Wohnhaus ist und betreibt ständig Eigenwerbung in seinen Büchern. Ich traf die Entscheidung, dem Textanteil des Buches einen großen Bildanteil gegenüberstellen, welcher die Authentizität der Geschichte aus der Sicht Merlots untermauern, sie für den Leser jedoch ironisch brechen sollte.

Schon zu Beginn meiner Arbeit stand für mich fest, dass ich lediglich mit einem Fotomodell arbeiten würde. Dieses sollte dann alle Personen im Bild verkörpern. Farbige Pudelmützen, unterschiedliche Schneebrillen, Rucksäcken und diverse Utensilien ermöglichten mir, die verschiedenen Charaktere für den Betrachter unterscheidbar zu machen und gleichzeitig Verwirrung zu stiften. Die Beschaffung der Gegenstände für eine halbwegs glaubwürdige Expeditionsausrüstung erwies sich als schwierig und zeitintensiv. Da ich die Geschichte auf 1964 datieren wollte, mussten die Ausstattungsgegenstände an diese Zeit erinnern. Ebay-Auktionen ermöglichten mir, die benötigten Gegenstände zu einem halbwegs vertretbaren Preis zu ersteigern. Danach fertigte ich die im Rahmen der Handlung zu entdeckenden Tiere an: Zwei Tölpelpinguine aus Pappmaschee und einen Burang Burang Krebs aus Fimo. Bei der Anfertigung musste ich bereits die Körperhaltung der Tiere an die für das Foto geplante Situation anpassen. Durch den Kauf eines Expeditionszeltes legte ich die Farben für das Logo und alle kommenden Anschaffungen fest. Ich wählte eine für die Zeit typische Farbkombination aus orange, braun und weiß.

Bei Materialauswahl, Logokonzept und Anlage der Geschichte war ich trotz aller Surrealität  mindestens um den Schein von Authentizität bemüht. Diesen Schein entschied ich durch die Bildästhetik digitaler Fotografie wissentlich zu brechen und zwar aus zwei Gründen: Zum einen wollte ich mit der digitalen Fotografie ein Spannungsfeld aufbauen, welches die Authentizität der Geschichte im generell Dargestellten untermauert, im Detail jedoch widerlegt. Zum anderen ist der Entwicklungsprozess erheblich verkürzt und ermöglicht eine schnelle digitale Nachbearbeitung bei gleichzeitiger Reduktion der Kosten.